25
Oktober

In der Zeit vom 22. Oktober 2009 postuliert Adam Soboczynski eine spannende These: (nachzulesen hier)

Soziale Netzwerke sind undemokratische Sammelhorte egozentrischer Brüllaffen

Nun ja – ehrlich gesagt, ganz so in dieser Art formuliert er es nicht ;-)
Aber er entwickelt einige spannende Gedanken, die ich hier weitergeben will als jemand, der dem Thema Social-Media-Marketing nahe steht und es immer wieder als Instrument des Guerilla-Marketings nutzt.
Hier also die Thesen von Adam Soboczynski:

1. Früher wurde bei Hofe geschnattert und gezankt – wer bei Hofe war, mußte dieses Spiel mitspielen, er stand in der Öffentlichkeit und es war Teil dieser Öffentlichkeit, darin mit lauter Stimme wahrgenommen werden zu müssen

2. Das Bürgertum im Gegensatz dazu entwickelte Schweigen – quasi als Gegenreaktion zum Adel begann das sich entwickelnde Bürgertum sich in seine gutbürgerlichen Stuben zurückzuziehen. Was hinter den Gardinen geschah, wurde mit Schweigen belegt.

3. Hieraus entwickelte sich das “vornehme Schweigen” – wer brüllt, hat unrecht. Wer sich allzu laut darzustellen versucht, ist aufdringlich und nicht zurückhaltend. Schweigen als vornehme bürgerliche Tugend. Der Genießer schweigt.

4. Die Zeiten des vornehmen Schweigens sind vorbei
In Zeiten der Castingshows, der nachmittäglichen Ich-bin-für-10-Minuten-im-Fernsehen-Sendungen und der sozialen Netzwerke geht es darum, wahrgenommen zu werden in der Flut medialer Tsunamis: Wer am lautesten brüllt, wird am ehesten registriert.

5. Die Schweigsamen verlieren
Wer aber noch aufgewachsen und geprägt ist in der bürgerlichen Tugend des zurückhaltenden Schweigens, der wird sich schwer tun mit dem rücksichtslosen Hinausbrüllen “Ich trinke gerade Kaffee” auf die Twitter-Frage “Was tust Du gerade?”

6. Die Lauten brüllen die Leisen nieder
Wer brüllt hat heutzutage recht. Zumindest hat es bei Google einen Link und nur das zählt: Alive means to be listed by google! Wer also oft und laut schreit, wird bei Google gefunden und begründet damit seine Online-Präsenz. Also wird gebrüllt und getwittert, gelästert und kommentiert, gelabert und gebabbelt, gelallt und gebrubbelt. Hauptsache im Netz verankert. Schneller, lauter, heißer, lustiger, einfacher, suchmaschinenopimierter als die Anderen. Und wer nicht mitbrüllt ist ja selber schuld. kann ja jeder heutzutage. Anmelden und losbrüllen…

7. Die Lauten sind undemokratisch
Gefeiert als urdemokratisches Medium sind die sozialen Netzwerke eigentlich ein Sammelbecken für Brüllaffen, die versuchen zugunsten ihrer eigenen Positionierung den Rest niederzubrüllen.

8. Der basisdemokratische Ansatz ist nur ein Marketingversprechen
Soziale Netzwerke scheinen demokratisch. Jeder darf. wenn er kann und laut genug beriet ist zu brüllen. Oder auch nicht! Denn die Betreiber bestimmen, wie gebrüllt werden darf (z.B. nur in 140 Zeichen), wie kommentiert werden darf, wer was mit wem wann wie machen darf. Die Betreiber definieren hoheitlich eine Staatsform zur Kommunikation, die Sonnenstaatsgleich dem Betreiber die Alleinherrschaft über Inhalte, Struktur und Kommunikationsmöglichkeiten ermöglicht. Jederzeitiger Ausschluß ist möglich. Keine Spur von Demokratie…. Die Programmierer der Sozialen-Medien-Plattformen sind die neuen Sonnengötter, die Plattformen ihr Sonnenstaat, die Homepage ihr eigenes kleines Versailles, in dem regiert werden darf wie zu Zeiten Ludwigs IVX.

Nun ja – starker Tobak, die Thesen von Adam Soboczynski. Aber einige wahrheiten sind hier tatsächlich pointiert dargelegt worden: wo geht es hin, wenn nicht mehr der Inhalt der Kommunikation zählt, sondern nur noch, ob ich mich dadurch bei Google suchmaschinenoptimieren kann? Guerilla-Marketing und virales Marketing als Grundbestandteil individueller Wahrnehmung im Internet und Vorraussetzung der eigenen Existenz? If you´re not at Google, you´re not at all?
I´m at Google therefore I am?

Seien wir gespannt…

Category : Guerilla-Marketing

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